Woher Wir Kommen

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Kurzbeschreibung.

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Beschreibung

Danke fürs Lesen. Diesen Satz stellt eine junge Frau an den Schluss ihres Berichts. Einleitend erinnert sie sich an ihre Ankunft in Österreich im Alter von acht Jahren: „Ich war echt glücklich, dass ich jetzt essen und trinken kann, wann und was ich will, denn die Möglichkeit hatte ich in Armenien nicht.“ Anschließend schildert sie, wie ihre Familie an Alkohol- und Drogenmissbrauch zerbricht. Im letzten Absatz schreibt die 17-Jährige: „Ich habe erst in diesem Jahr mein Visum bekommen, dass ich ein Bleiberecht in Österreich habe. Das freut mich sehr, aber was bringt mir das, wenn ich nicht glücklich bin?“ Und dann eben diesen Satz: „Danke fürs Lesen.“

Wäre die Welt gerecht, dann sollten wir Leser uns der jungen Frau gegenüber dankbar zeigen. Indem sie aus ihrem Leben erzählt, gewährt sie uns Einblick in ein gemeinsames Heute, in gesellschaftliche Zusammenhänge, in unsere Gegenwart. Doch Aufmerksamkeit ist ein knappes Gut. Und so stehen die Verhältnisse auf dem Kopf: Menschen bedanken sich dafür, dass man ihnen zuhört!

 

Geschichten von Ausgrenzung und Akzeptanz.
Ein Vorwort von Ruth Wodak

Immer wieder erlebe ich, dass man/frau mich fragt, ob ich denn wirklich aus Österreich stamme. Warum? Weil ich – so sagen die an mir Interessierten – anders ausschaue, nämlich „nicht-österreichisch“; ausländisch, italienisch, südländisch, eben anders. Solche Fragen haben mich früher sehr verunsichert; ich habe nachgegrübelt, was denn an meinem Aussehen so anders sei? Dunkle Haare etwa; oder dass ich klein und schmal bin; oder vielleicht meine längere Nase? Unlängst begründete eine sehr freundliche Frau die Frage nach meiner Herkunft (und Identität) damit, dass ich ein römisches Profil besäße. Ist dies nun ein Kompliment? Oder eher eine Ausgrenzung? Wie definiert man denn „österreichisch“? Durch Sprache, Aus- sehen, Kleidung, Gewohnheiten, Religion oder Geburtsort? Oder durch Staatsbürgerschaft?

Da ich in London geboren bin, als Kind von österreichisch-jüdischen Flüchtlingen (meine Eltern wurden 1938 aus Österreich vertrieben und haben in England glücklicherweise einen Zufluchtsort gefunden), bin ich mit solchen Fragen aufgewachsen; auch mit der Biographie meiner Eltern, für die die Flucht aus Österreich nach dem sogenannten Anschluss im März 1938 und die Rückkehr nach Österreich nach Ende des Zweiten Weltkrieges die bestimmenden Momente ihres Lebens waren.

Vor einiger Zeit habe ich beschlossen, die immer wiederkehrende Frage nach meiner Herkunft ausschließlich als freundliches Interesse zu werten und nicht als Indikator von subtiler Ausgrenzung. Die Frager sind meist recht erstaunt, wenn ich ihnen erzähle, dass ich eine „echte“ Wienerin bin, die österreichische Staatsbürgerschaft besitze und dass auch meine Eltern „echte“ Wiener waren. Allerdings wurden sie aufgrund einer rassistischen Politik und Ideologie vertrieben …

Solche Fragen sind natürlich nicht zufällig und auch nicht ganz unschuldig. Es gibt kollek- tive Wahrnehmungsmodelle, die – von Kindheit an gelernt – dabei helfen, recht automatisch zwischen Einheimischen und Fremden zu unterscheiden. Fremdheit ist einerseits etwas Besonderes, andrerseits scheint sie aber auch vielen Menschen Angst zu bereiten.

Natürlich geht es nicht nur mir so; viele Migrantinnen/Migranten und Flüchtlinge berichten von ähnlichen Erlebnissen. Je dunkler die Hautfarbe, je exotischer die Kleidung, desto öfter wird man angeschaut. Dieser Blick ist für viele – so erzählen uns Migrant(inn)en – sehr unangenehm; denn er kategorisiert vornweg, ohne auf die Person und ihre Geschichte ein- zugehen. Vor allem muslimische Frauen mit Kopftuch oder gar mit Burqa erleben diesen Blick als bedrohlich. Oft erzählen uns solche Frauen, dass sie absichtlich ihr Gesicht verhüllen, weil sie solche Blicke als abschätzig und ausgrenzend empfinden. Wenn man anders ausschaut, stört man offenbar das Stadtbild, das sich viele noch homogen wünschen, nämlich weiß (manchmal auch noch blond und blauäugig).

Akzeptanz von Andersartigkeit, von Fremdheit ist für viele schwierig. Offensichtlich ist die Message noch nicht angekommen, dass wir alle in Europa in diversifizierten, mehrsprachigen und multikulturellen Gesellschaften leben, dass ganz Europa zu einem Einwanderungskontinent geworden ist. Die Sehnsucht nach einer homogenen Gesellschaft ist obsolet geworden.

Selbst wenn uns fremd ausschauende Menschen begegnen, die wunderbar Deutsch sprechen, auch echten Dialekt, wird nach dem „Migrationshintergrund“ gefragt. „Migrations- hintergrund“ ist zwar eine sozialwissenschaftliche Kategorie, um demographische Daten richtig erfassen zu können – damit werden also all jene charakterisiert, wo zumindest ein Elternteil eingewandert ist. Umgangssprachlich wird dieser Begriff jedoch anders verwendet – nämlich in Zuschreibung von Fremdheit und Unzugehörigkeit. Oft frage ich mich, wenn ich diesen Begriff vernehme, wie weit historisch rückgeforscht wird – wann ist man/frau zugehörig, wann besitzt man/frau noch einen Migrationshintergrund? Haben wir nicht alle einen solchen? Zugespitzt könnte man vermuten, dass diese Kategorie nicht weit von der Nachfrage nach einem „Ahnenpass“ gelagert ist!

Viele Jugendliche, deren Geschichten wir genau dokumentiert in diesem Buch vorfinden, erzählen von ähnlichen Erlebnissen: von mancherlei Ausgrenzung und auch von oftmaliger Akzeptanz. Diese Geschichten sind wichtig – sie erlauben Einblick in das Erleben dieser Menschen. Und erinnern mich auch immer wieder an meine eigenen Erfahrungen. Es bleibt zu hoffen, dass diese Dokumente viele erreichen – denn Angst ist meist dort vorhanden, wo es kaum zu Begegnungen mit anderen Menschen, Fremden, gekommen ist. Angst löst sich nur dann auf, wenn eine Gesellschaft auch mit Offenheit und Neugier reagiert; wenn man versteht, dass Fremdes bereichernd sein kann, den Horizont öffnet und uns alle aus einer verengten nationalen Sicht in eine europäische Integrationskultur führt, in der die Menschenrechte die Norm bilden. Dazu leistet das Projekt „WIR. BERICHTE AUS DEM NEUEN OE“ einen ganz wichtigen Beitrag.

Dr. Ruth Wodak ist Linguistin und hält an der Universität Lancaster den Lehrstuhl für Diskursstudien.

 

 

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